In der Pfalz fallen 120 Weinfeste aus

„Die Pfalz feiert“ ist der Titel eines kleinen Veranstaltungskalenders, den die Werbegemeinschaften Pfalzwein und Pfalztouristik in einer Auflage von 400 000 jedes Jahr zu Saisonbeginn verteilen.

In diesem Jahr können ab sofort die dort aufgelisteten Weinfeste und Kirchweihen, Bauernmärkte und Ortsfeste für die Monate Mai bis August vergessen werden, denn sie fallen wegen des Corona-Virus durch den Rost – als nicht genehmigungsfähige Veranstaltungen mit großem Publikumszuspruch und entsprechend der Pfälzer Lebensart kaum zu vermeidenden „Nahkontakten“ der feiernden Festbesucher bei diesen großen, mittleren und kleinen Festivitäten.

Allein wohl rund wieder 200 000 Besucher müssen nach aktuellem Stand am 30. August zuhause bleiben, wenn in „normalen“ Jahren der Erlebnistag Deutsche Weinstraße Radfahrer, Spaziergänger und Schoppenbummler aus ganz Deutschland auf die älteste deutsche Touristikroute lockt. „Man kann davon ausgehen, dass dabei normalerweise etwa fünf Millionen Euro Umsatz in die Kassen der Winzer, Gastronomen und Vereine fließen,“ rechnete schon vor einigen Jahren der Mitbegründer Dieter Hörner (Bornheim) aus, der auch den Weinumsatz in den mehr als 120 bewirtschafteten und nun geschlossenen Waldgaststätten, Rasthäusern und Hütten des Pfälzerwald-Vereins und der Naturfreunde im Pfälzerwald auf respektable mehr als fünf Millionen Liter pro Jahr schätzte.
Zwischen Mai und August fallen zwischen Rhein und Saar, vor allem aber an der Deutschen Weinstraße, wegen der Corona-Pandemie nahezu 400 Feste aus. Geplant waren in dieser Zeit etwa 240 Kirchweihen und Dorffeste und rund 120 Weinfeste. „Wieviele Besucher dabei insgesamt zu verzeichnen sind, kann man nur grob schätzen,“ sagte Pfalzwein-Chef Joseph Greilinger, „aber es werden zusammen wohl weit über zwei Millionen sein.“ So müssen zum Beispiel die mehrtägigen Stadtfeste in Bad Dürkheim (20. bis 24. Mai) und Ludwigshafen (26. bis 28. Juni) storniert werden – ebenso die attraktiven und vielbesuchten Events Geißbockversteigerung Deidesheim (2. Juni), Altstadtfest Freinsheim (5. bis 7. Juni), Rettichfest Schifferstadt (5. bis 9. Juni), Weintage Landau (12. bis 15. Juni), Brezelfest Speyer (9. bis 14. Juli) und Stadtmauerfest Freinsheim (17. bis 20.Juli).

„Das Fatale am Ausfall dieser Feste ist, dass sie in der Regel nicht nachgeholt werden können,“ gibt Greilinger zu bedenken. Das trifft besonders die „prämierten“ Weinfeste: 14 der 20 schönsten, von einer Jury ausgezeichnete Pfälzer Weinfeste fallen nach Lage der Dinge aus – ihre Jahr für Jahr aufwändigen Investitionen sind zumindest 2020 „für die Katz“. Die Leidtragenden sind viele Gastronomen und kleine Winzerbetriebe, für die diese Veranstaltungen oft eine der Haupteinnahmen im Jahr bringen. Aber selbst wirtschaftlich gut aufgestellte Großbetriebe leiden: „Bei uns fällt nach einem guten Jahresbeginn nun der komplette Tagungsbetrieb flach,“ heisst es beim Felschbachhof im westpfälzischen Ulmet. Ihre Jubiläumsfeste können allenfalls die Gemeinden Kleinkarlbach und Bockenheim an der Deutschen Weinstraße nachholen, die in diesem Jahr 1250 Jahre alt werden.

Pfalzwein-Chef Joseph Greilinger weiß um die Existenzängste vieler Kleinbetriebe unter den Winzern, deren Vertriebsnetz auf solche unerwarteten Ausfälle nicht eingestellt ist: „Es wird Hofaufgaben geben,“ prophezeit der Weinexperte, „wir werden erst im nächsten Jahr oder noch später das Verschwinden von kleinen Weingütern vor allem im Nebenerwerb und eine weitere Tendenz zu größeren Betrieben erleben.“ Da auch bei der Gastronomie mit einer solchen „Bereinigung“ zu rechnen sei, wird sich – so Greilinger – „die traditionelle Winzerlandschaft weiterhin beschleunigt verändern.“